3. Februar 2018

Vorbemerkung

Vor einigen Jahren galt die Aufregung über lärmende Partytouristen in Linden-Nord in der Politik teilweise als spießbürgerlich. Bei einem Treffen im Jahre 2012 machten sich die Aktiven der Nachbarschaftsinitiative Linden-Nord (NIL) darüber lustig, wie in einem Zitat hier ganz unten nachgelesen werden kann. Von einigen lindener Lokalpolitikern erfuhr die Initiative damals eher Ablehnung.

Heute ist die Situation eine völlig andere. Das Thema ist bei der gesamten Politik längst angekommen. Im Bezirksrat fand dazu am 31. Januar eine Anhörung statt. Die NIL als Vertretung betroffener Anwohner war zwar nicht extra eingeladen worden, saß aber im Publikum und beteiligte sich während der Bürgerfragestunde an der Diskussion. Bezirksbürgermeister Grube hieß die Bürgerinitiative willkommen.

Die Anhörung
begann mit den Beiträgen der Geladenen:

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Harm Baxmann, (Aktion Limmerstraße), Hans-Michael Krüger, (Faust), Herr Wirtjes + Frau Taube + Frau Gombers, (Karl-Lemmermann-Haus)

Harm Baxmann, Aktion Limmerstraße
ist Gastronom und wohnt selbst im Zentrum des Geschehens an der „Abschiedsecke“ Nedderfeldstr/Elisenstr.. Er kennt Erlebnisse mit Partygästen aus eigener Erfahrung. Nach Zeiten der Stagnation sieht er die Limmerstraße im Aufwind. Er sieht die Belästungen der Anwohner durch Kneipengäste in früheren Zeiten als ähnlich an wie heute. Es hätte sich soviel nicht geändert. Das Herz der Limmerstraße klinge laut und das wäre gut so, schließt er seine Ausführungen ab.

Hans-Michael Krüger, Faust
schließt sich den Ausführungen von Harm Baxmann an und meint auch, dass sich Linden-Nord sehr zum positiven verändert hat. Die Geschäfte sind erfolgreich, Straßen und Plätze sind belebt, Limmern und Veranstaltungen finden statt. Er sieht die Möglichkeit Wege von und zur Faust durch bauliche Maßnahmen anders zu führen. Eine bessere Kommunikation im Stadtteil könne die Situation für die Anwohner verbessern.

Herr Wirtjes + Frau Taube + Frau Gombers, Karl-Lemmermann-Haus
Hier geht es um Obdachlose und Alkoholiker, was auch geschildert wurde. Dabei gibt es Erfolge und die Einsatzzeiten konnten stark verringert werden. Partytouristen sind nicht deren Zielgruppe.

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Herr von Cyrson (Polizeiinspektion West), Herr Negenborn (ASTA Uni Hannover)

Herr von Cyrson, Polizeiinspektion West
gab einen ausführlichen Überblick über die Anforderungen bei den Polizeieinsätzen. Nur bei einem kleinen Teil geht es um Lärmbelästigung. Die Einstellungen der Leute habe sich geändert. Man regelt es weniger selber, sondern wendet sich gleich an die Polizei. Kriminelle Delikte haben für die Polizei Vorrang gegenüber Lärmbelästigung, über die man sich dann nicht genau so kümmern könne. In den meisten Kriminalitätsfeldern gäbe es Rückgänge. Was sorgen mache ist die Drogenkriminalität. Einsätze, die früher eher die Ausnahme waren, fänden heute im Wochenabstand statt.  Beim Partytourismus stagnieren die Rohheitsdelikte auf hohem Niveau, bei Sexualdelikten gäbe es erhebliche Zunahmen.
Herr von Cryson stellte eine detailreiche Bilanz über die Kriminalität und die Einsätze in diesem Bereich dar, die hier in kurzer Form kaum wiedergegeben werden kann.

Herr Negenborn, ASTA Uni Hannover
sagte, dass der ASTA nicht verantwortlich sei für die Anwesenheit von Studenten auf der Limmerstraße, könne aber vermitteln. Die Fachgruppen würden ihre eigenen Touren planen. Er selbst wohne nicht in Linden.
Bezirksbürgermeister Rainer Grube schlug vor, dass sich die Fachgruppen doch mal die Listermeile oder andere Ziele aussuchen sollten und nicht immer nur Linden. Das Publikum reagierte mit Beifall.
Teilnehmer berichteten, dass den Studenten erzählt würde, dass man in Linden die Sau rauslassen könne und es dort wie eine rechtsfreie Zone sei.

Einwohnerfragestunde

In der anschließenden Einwohnerfragestunde schilderten Betroffene, was ihnen des nachts alles an Lärm passiert: Wummern von Faust, Trommeln und Lautsprechermusik auf der Dornröschenbrücke, Flaschenfussball spielen, Schreie, Sachbeschädigungen an Autos, Gebäuden, etc.. Fenster müssen nachts geschlossen bleiben, was gerade bei warmen Sommern sehr unangenehm sei. Wenn in Zehnergruppen laut durch die Straßen gezogen wird und das bis zu fünfzehnmal die Nacht, dann überfordere das den Einzelnen, um da einzuschreiten, so eine Anwohnerin. Es wurde ein zunehmendes unethisches, unkulturelles Verhalten benannt, was in den letzten Jahren zugenommen hätte. Betroffene schilderten Ihre Leiden und möchten auch nicht aus Linden wegziehen, wo sie schon so lange wohnen.

Ein Gastronom schilderte wie die Situation regelmäßig eskaliert, wenn von Faust oder anderswo herkommende große Gruppen seine Kneipe belagern würden. Sie könnten die hohe Zahl nicht bewirten.

Das politische Urgestein im Bezirksrat, Gabriele Steingrube, fühlt sich in früheren Einschätzungen aus den neunziger Jahren bestätigt, dass so ein Veranstaltungszentrum wie Faust eigentlich nicht in so einem dichten Wohngebiet geführt werden kann. Die damaligen Gutachter hätten die Situation unrealistisch positiv dargestellt, dass die anderen Wege zur Flussseite hin benutzt werden würden.

Gegen Ende dieses Tagesordnungspunktes mahnte ein Vertreter der Nachbarschaftsinitiative NIL an endlich Konzepte zu finden und sie selbst konsequent mit einzubeziehen, da sie auch Vorschläge vorgelegt haben.

Bezirksbürgermeister Rainer Grube beendete nach Ausbleiben weiterer Wortmeldungen schließlich die Anhörung.

Anmerkung und mehr
Vermutlich hätte es der Anhörung gut getan, wenn auch die NIL ihre Sichtweise als Geladene zusammenhängend und mit Nachfragen hätte darstellen können – so, wie es den geladenen Teilnehmern der Anhörung auch möglich war.
Die Nachbarschaftsinitiative Linden-Nord hat eine mehrjährige Geschichte, die ab 2011 nachgelesen werden kann: >> nil.halloLinden.de

Mittendrin: Tonaufnahme „Limmerstraße Nachts um halbeins“
Gezeigt wird der Lärmpegel in einer Originalaufnahme von 2011

Zu dem Bericht >> Über das Limmern: Auf der Limmerstraße nachts um halbeins

Video „Wie weit geht Deine Party“
Das Video wurde mit finanzieller Unterstützung des Bezirksrates 2012 für die Nachbarschaftsinitiative hergestellt.
Siehe auch >> Nachbarschaftsinitiative Linden-Nord (NIL): Video zu „Wie weit geht Deine Party“

 

Zitat aus >> Bericht über die NIL vom 07.09.2012:
Über den immer wieder zu hörenden, unzutreffenden Vorwurf „Spießbürger“ oder „Kleinbürger“ zu sein hat man begonnen sich lustig zu machen. Dann wird inzwischen gerne die bekannte Werbung einer Bausparkasse zitiert. Dort ruft der kleine Sohn eines alternativ in Bauwagen Wohnenden erfrischend klar: „Wenn ich erwachsen bin, dann will ich auch Spießbürger werden.“ – und ein Haus bauen.

Siehe auch  >>  Nachbarschaftsinitiative Linden-Nord (NIL): Vorschläge für Maßnahmen gegen rücksichtslose Partygänger

 

Klaus Öllerer
05.02.2018/09.02.2018

 

 

Kommentare

  1. Der Artikel ist eine Perle des Journalismus‘ – auch handwerklich nach allen Kriterien routiniert und ausgereift (den hereingerutschten und albernen letzten Absatz ausgenommen). So was, liebe Leser, kriegt man in Deutschland nicht immer und alle Tage.

  2. Anwohnerin schrieb
    „WAR trotzdem ne gute Zeit…“ heisst ja wohl, dass du dich inzwischen hier vom Acker gemacht hast, oder?“

    Ja, aber nur vom sehr zentralen Acker des Geschehens. War über 12 Jahre mittendrin.. Good times – bad Times…

    Anwohnerin schrieb
    „…vor einigen Jahren war es auch noch schön in Linden, bevor die Heuschreckenschwärme der Partytouristen immer größer und rücksichtsloser wurden.“

    Volle Zustimmung. Leider scheint aber wohl in der Natur der Sache zu liegen, daß fast jede Generation früher oder später die Formulierung
    „…vor einigen Jahren war es auch noch schön in ……… , bevor ……(fülle beliebig aus)“ benutzt.

  3. Dass die NIL nicht eingeladen wurde, sagt schon alles. Die Experten, die sich am besten mit den Auswirkungen auskennen, versucht man immer noch zu ignorieren. Eine Schande ist das.

    Konnte aufgrund von Krankheit nicht teilnehmen und wüsste gern, ob die Notwendigkeit einer gesonderten Lärmpatrouille für Linden von den Verantwortlichen anerkannt wurde.
    Die Partygäste sind ja auch auf Ansprache von Anwohnern (so diese denn nachts immer extra wieder aufstehen wollen) nicht einsichtsfähig, was wohl dem hohen Drogen- und Alkoholpegel geschuldet ist, aber auch der zunehmend rücksichtslosen Einstellung gegenüber anderen Menschen.
    Wenn die Anwohner so rücksichtslos wären und ihr Anliegen über die Gesundheit der Partygänger stellen würden, müssten diese wohl mit der einen oder anderen „Ice-Bucket“-Aktion rechnen.
    Vielleicht schade, dass man das nicht darf. Es könnte die Gröler ein bisschen nüchterner machen.

    Die Kleinrede-Versuche schienen sich diesem Bericht nach in der Sitzung in Grenzen zu halten. Es ist ja auch mittlerweile selbst den Wegguck-Hardlinern nicht mehr möglich, die Brisanz des Themas zu ignorieren.
    Wenn die Partygänger weiter in einem Wohngebiet feiern wollen, müssen sie lernen, sich zivilisiert zu benehmen und man muss auch in der Faust auf die tiefsten Bässe mit der größten Reichweite verzichten. Anders geht es nicht mehr.
    Sonst müssen solche Partys in Bereichen stattfinden, die in mindestens einem Kilometer Entfernung vom nächsten Wohngebiet gelegen sind. Die illegalen Techno-Parties an Ihme und Leine hatten auch schon eine Reichweite von über 800 Metern. Bei den Faust Partys, die ja drinnen stattfinden, sind die Bässe als tiefes Brummen auch noch in über 200 Metern Entfernung spürbar.
    Bin gespannt, ob die Verantwortlichen endlich handeln.
    Ob der x-te Kommunikationsversuch mit den Verursachern mehr bringt, als vergangene Versuche, wage ich erstmal zu bezweifeln.

    Und wohnt her Baxmann eigentlich an der Limmerstraße mit Schlafzimmer zur Straße raus?
    Kann ich mir nicht vorstellen, denn sonst fände er es wohl kaum gut, dass die Limmerstraße laut ist. Es sei denn, weil er selbst bis zum frühen Morgen sowieso wach ist. Und wenn man selbst am Lärm verdient, ist die Toleranzschwelle natürlich auch schon mal höher.

  4. Der Satz von Herrn Krüger (Faust): „Eine bessere Kommunikation im Stadtteil könne die Situation für die Anwohner verbessern.“ sollte mal mit Leben gefüllt werden!
    Kann ja eigentlich nur heissen, dass allen Partytouristen gesagt wird, sie sollen sich nachts ruhiger verhalten, ansonsten könnten ihre Veranstaltungen nicht mehr stattfinden – anders kommt man denen doch nicht bei, wie sich seit Jahren zeigt.
    Es ist traurig, dass man als Anwohner sein Recht auf einen normalen Umgang im Stadtteil immer wieder betonen muss; ausserdem, dass man immer dazu sagen muss, man wolle keine Friedhofsruhe! Viele Diskutanden kennen nur entweder – oder: Wer gegen nächtliches Geschrei in den Straßen ist, will angeblich gleich einen toten Stadtteil. Völliger Blödsinn!

    1. SüdBert schrieb:
      „Viele Diskutanden kennen nur entweder – oder“

      Sehr gut beobachtet. Gilt wie ich finde, für fast alles Kontroversen/ Diskussionen heutzutage. Kindisch naive Einteilung in schwarz und weiss , alt und jung, Pro Flüchtlinge und Nazi, Vegetarier und Fleischesser, Auto gegen Fahrrad, Gut und Böse.
      Zugrunde liegt vielleicht der Wunsch, die immer kompliziertere Welt überschaubar zu machen, spaltet jedoch eher und nervt ungemein.

      PS: Nächtliche Ruhestörung, bierflaschenzerdepperte Autoscheibe, Pisse im Hauseingang – alles jahrelang selbst erlebt (‚geballte FAUST‘..). War trotzdem ne gute Zeit in Li Nord.

      1. Ja, wenn man selbst noch feiern geht und sich zudröhnt (heisst nicht, dass du das tust), ist das alles noch irgendwie witzig. Jedenfalls solange man jung ist und glaubt, den Schlafmangel noch einigermaßen wegstecken zu können. Das rächt sich erst später.
        „WAR trotzdem ne gute Zeit…“ heisst ja wohl, dass du dich inzwischen hier vom Acker gemacht hast, oder?

        1. Ach ja, und ich weiss nicht von welcher Zeit du sprichst, aber vor einigen Jahren war es auch noch schön in Linden, bevor die Heuschreckenschwärme der Partytouristen immer größer und rücksichtsloser wurden.

          1. Anwohnerin schrieb
            „WAR trotzdem ne gute Zeit…“ heisst ja wohl, dass du dich inzwischen hier vom Acker gemacht hast, oder?“

            Ja, aber nur vom sehr zentralen Acker des Geschehens. War über 12 Jahre mittendrin.. Good times – bad Times…

            Anwohnerin schrieb
            „…vor einigen Jahren war es auch noch schön in Linden, bevor die Heuschreckenschwärme der Partytouristen immer größer und rücksichtsloser wurden.“

            Volle Zustimmung. Leider scheint aber wohl in der Natur der Sache zu liegen, daß fast jede Generation früher oder später die Formulierung
            „…vor einigen Jahren war es auch noch schön in ……… , bevor ……(fülle beliebig aus)“ benutzt.

          2. Den Generationen-Automatismus sehe auch oft, in diesem Fall ist es aber leider keine Frage der Einstellung oder des Alters. Dass es immer mehr Partytouristen mit immer peinlicherem Verhalten werden, bestätigen ja auch viele jüngere Partygänger, die von einigen ihrer Mitfeiernden genervt bis angeekelt sind.

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