3. Mai 2017

Foto: Velvetplatz in Linden-Nord

Auf der Sitzung des Bezirksrates Linden-Limmer am 10.05.2017 werden zwei Anträge auf Benennung des offiziell noch unbenannten Velvetplatzes eingebracht. Dem Antrag auf Benennung als „Halim-Dener-Platz“ steht ein anderer Antrag als „Ehepaar-Rüdenberg-Platz“ gegenüber. Beide Anträge können mit Erläuterungen im Folgenden gelesen werden.


Antrag von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, DIE LINKE, DIE PARTEI, PIRATEN

Hannover, 20.04.2017

Antrag
gem. § 10 der Geschäftsordnung des Rates in die Sitzung des Stadtbezirksrates am 10.05.2017

Benennung des Halim-Dener-Platzes in Linden-Nord
Der Stadtbezirksrat Linden-Limmer beschließt:
Die bisher namenlose Freifläche zwischen Velvet- und Pfarrlandstraße sowie Pfarrland-Spielplatz und Wilhelm-Bluhm-Straße (verwaltungsintern auch „Velvetplatz“ genannt) wird in Halim-Dener- Platz benannt.
An mindestens einem der aufzustellenden Straßenschilder wird eine Legendentafel mit folgendem Inhalt angebracht:

Halim Dener (27.12.1979 – 01.07.1994)
Kurdischer Aktivist und Geflüchteter, wurde am 30.06.1994 in Hannover von einem
Polizeibeamten beim Plakatieren erschossen.

Begründung:
Seit Jahrzehnten sind Hannover und insbesondere Linden von Einwanderung geprägt und haben durch diese an Lebendigkeit und Weltoffenheit sichtlich dazugewonnen. Dabei wird Einwanderung und die damit verbundenen Chancen und Herausforderungen meist aus der Sicht der Mehrheitsgesellschaft diskutiert; es wird häufig über Migrant_innen gesprochen, weniger mit ihnen.
Es bedarf daher mitunter eines Perspektivwechsels, der zum einen zu einer Würdigung
migrantischer Lebensläufe führt und gleichzeitig Räume öffnet für Anliegen, Ängste und Probleme, denen Migrant_innen in unserer Gesellschaft begegnen. Dieser Aspekt gesellschaftlichen Zusammenlebens findet im öffentlichen Raum derzeit noch wenig Ausdruck. Besonders offensichtlich ist dies bei der Vergabe von Straßennamen. Die Benennung eines Platzes nach Halim Dener wäre hier beispielhaft ein sichtbarer Schritt zur Anerkennung migrantischer Geschichte in Hannover und darüber hinaus eine Positionierung gegen Rassismus und erstarkenden Rechtspopulismus.
Insbesondere Jugendliche mit Migrationsgeschichte würden sich hierdurch ernstgenommen und in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt fühlen.
Dabei ist dies losgelöst von bestimmten Kulturen und Ethnizitäten, denn auch in der Kampagne
Halim Dener, die seit Jahren einen Ort des würdevollen Gedenkens an den kurdischen
Jugendlichen fordert, sind neben deutschen, auch türkische Gruppen beteiligt.
Der Halim-Dener-Platz wäre somit ein Ort des Zusammenkommens, der die demokratische Kultur des Stadtbezirks verkörpert und die Vielfalt in Linden-Limmer widerspiegelt.
Des Weiteren würde der Tod Halim Deners, der ein bedeutendes Kapitel in der hannoverschen Stadtgeschichte ist, öffentlich thematisiert. Dass er bis heute nicht ausreichend aufgearbeitet werden konnte, ist nicht zuletzt auf staatliches Versagen zurückzuführen. Als fortschrittlicher und multikultureller Stadtbezirk leistet Linden-Limmer somit einen Beitrag zur Erinnerung an Halim Dener und schafft nach Jahrzehnten einen Ort des AnGedenken und zur Ruhekommens.
Die Platzbenennung zum 23. Todestag am 30.06.2017 bietet sich als gute Möglichkeit an.

Ende des Antrages

>> Pressekonferenz vom 23.03.2017


Hintergrund zu Halim Dener
von Redaktion halloLindenLimmer.de

Am 30.06.1994 klebte Halim Dener, 16, mit anderen am Steintor Plakate für die verbotene PKK. Eine Festnahme durch zufällig vorbeikommende Zivilpolizisten entzog sich der junge Kurde durch körperliche Gegenwehr und Fluchtversuch. Ein sich dabei lösender Schuss führte zu seinem Tod.
Der Bundesgerichtshof fällte schließlich 1997 das endgültige Urteil, dass es sich bei dem Schuss aus der Dienstwaffe des Polizisten um ein Versehen gehandelt hat.
Die PKK ist in Deutschland seit 1992 und seit 2002 auch in der EU verboten und wird als terroristische Vereinigung eingeschätzt. Eine öffentliche Entschuldigung für die in Deutschland begangenen Gewalttaten durch den „operativen PKK-Führer(s) Cemil Bayik“ (NDR) böte keinen Anlass für eine Neubewertung, so das Bundesinnenministerium 2015.

Siehe auch:
>> NDR – Bundesregierung hält an PKK-Verbot fest


 

Antrag der CDU

Benennung/Widmung für den Platz zwischen der Velvetstraße und der Pfarrlandstraße in „Ehepaar-Rüdenberg-Platz“

Antrag,
der Bezirksrat möge beschließen:
Der Platz zwischen der Velvetstraße und der Pfarrlandstraße erhält die Benennung „Ehepaar-Rüdenberg-Platz“ und wird mit dieser Namensgebung dem Ehepaar Margarethe und Max Rüdenberg gewidmet.

Begründung
Max Rüdenberg, Jg. 1963, erwarb den Komplex Schwanenburg und gründete am Ufer der Leine eine Bettfedernfabrik.
Die Familie Rüdenberg wohnte mit ihren beiden Kindern Eva und Ernst in ihrem Wohnhaus in der Wunstorfer Straße 18.
Von Juni 1904 bis Mai 1929 gehörte Max Rüdenberg als Schatzmeister dem Vorstand des sogenannten Warteschulvereines in Limmer (heute: Kinder- und Jugendheim Limmer) an.
Von 1909 bis 1919 war Max Rüdenberg zum Bürgervorsteher der Stadt Linden für Limmer gewählt.
Von 1920 bis 1925 war Max Rüdenberg Mitglied des Rates der Stadt Hannover.
Im Jahr 1916 gehört Max Rüdenberg zu den Gründungsmitgliedern der Kestnergesellschaft in Hannover.
Im Jahr 1936 emigriert der Sohn Ernst mit seiner Ehefrau nach Kapstadt, die Tochter Eva emigriert 1939 nach der Progromnacht im November 1939 mit Ihren drei Kindern nach England.
Im Jahr 1941 muss das Grundstück Wunstorfer Straße 18 durch das Ehepaar Rüdenberg erheblich unter Wert an die Stadt Hannover zwangsverkauft werden, das Ehepaar muss in eines der sogenannten „Judenhäuser“ der Stadt Hannover in der Wunstorfer Straße 16a umziehen.
Mit Verfügung vom 01.Juli 1942 geht das gesamte Vermögen des Ehepaares Rüdenberg in den Besitz des Deutschen Reiches über.

Am 23.Juli 1942 wird das Ehepaar in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert.

Max Rüdenberg verstarb dort am 26.September 1942.

Margarethe Rüdenberg, geb. Grünberg, Jg. 1879, verstarb dort am 19.November 1943.

Anmerkung:
Im hannoverschen Stadtteil Seelhorst ist bereits eine Straße „Rüdenbergweg“ benannt. Diese Widmung erfolgte 1989 zu Ehren von Reinhold Rüdenberg (*1883-+1961), einem Elektrotechniker aus Hannover. Reinhold Rüdenberg war ein Cousin von Max Rüdenberg und musste aufgrund seines jüdischen Glaubens 1935 nach Großbritannien emigrieren.

Aufgrund der deutlich unterschiedlichen Straßenbezeichnungen, „Rüdenbergweg“ und „Ehepaar-Rüdenberg-Platz“ sollte eine zukünftige Verwechselung der beiden Örtlichkeiten ausgeschlossen werden können.

Ende des Antrages


 

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Stolperstein in der Wunstorfer Straße 14 zum Gedenken an Max und Margarete Rüdenberg. >> Verlegung am 13.11.2008

 

öl/03.05.2017

Kommentare

  1. Direkt am Bolzplatz neben dem Velvetplatz habe ich gestern Folgendes gehört:

    Wiederholtes „Allahu akbar!“ – Dann: „Verräter!“ – Dann ein Quieken wie ein abgestochenes Schwein.
    Die Jugendlichen (darunter ein vielleicht 16-jähriger Schwarzer) machten sich offenbar so einen Spaß.

    Wochen zuvor hatte ich mehrfaches jugendliches Rufen von „Allahu akbar“ im Zusammenhang mit dem Zünden bzw. Knallen von Sylvesterböllern gehört; anscheinend ebenfalls im „Scherz“.

    Also jetzt schon mehrmals.

    Außerdem habe ich auf dem Bolzplatz vor wenigen Tagen gesehen, wie ein Vater ausschließlich Knaben trainierte. Halbverschleierte Frauen saßen nur außenvor und nahmen danach die Jungen wieder in Obhut. Mädchen waren keine dabei. Sprich: Die Frauen und Mädchen dürfen nicht spielen.

    Zumal das eigentlich eine recht bürgerliche, aber tolerante Gegend ist, bin ich schon beunruhigt (und übrigens auch abgestoßen). Die Stories habe ich nicht erfunden oder mich getäuscht; außerdem bin ich ansonsten offen für alle positiven Menschen, gleich welcher Religion oder Herkunft.

    Der Autor dieser Website hier, Klaus Öllerer, hat an anderer Stelle eine Serie von Dokumentationen und Stellungnahmen zu „Salafisten in Linden“ veröffentlicht, was man so erstmal ja nicht glauben kann oder will.

    Aber es scheint tatsächlich religiös-faschistische, restriktiv-menschen- und grundrechtsfeindliche Personen in Linden zu geben, die man aber normalerweise nicht ohne Weiteres bemerkt, darunter auch Türken.

    – Beschlossen am 10.5.2017: Der Platz wird „Halim-Dener-Platz“ heißen:
    https://e-government.hannover-stadt.de/lhhsimwebre.nsf/DS/15-0980-2017

    Insofern empfinde ich die Benennung des Platzes als Schmach gegen die oben genannten extremistischen Personengruppen, die aktuell auf dem Halim-Dener-Platz oder daneben ihr Unwesen üben, das hierzulande zumindest grenzwertig strafbar wäre, würde man sie überführen. Diese Schande für sie empfinde ich zumindest als Befriedigung.

    Ansonsten wäre ich eigentlich gegen polarisierende Straßen- und Platzbezeichnungen (sondern mehr für die Umgangsnamen, die die anwohnenden Bürger selbst gegeben haben, also hier weiterhin: Velvetplatz), aber diesmal und aktuell und an diesem Ort passt es nur zu gut.

  2. Alles neu macht der Mai….Menschen die sich um die Stadt Hannover verdient gemacht haben sollten so geehrt werden.

    1. Weil dies den Gutmenschaktionisten nicht reicht. Wenn man politisch sonst schon nicht viel auf die Reihe kriegt, versucht man es eben mit Namenskosmetik.

  3. Ich finde beide Anträge schlecht.
    Man sollte lieber Egon Kuhn ( zu Lebzeiten ) diese Ehre zuteil werden lassen.

    1. Egon Kuhn fänd ich auch super passend. Ansonsten wäre Velvetplatz (so heisst er bisher „nur“ im Volksmund) natürlich auch schön.

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