4. Februar 2018

Titelfoto: Ricklinger Str 46 im Februar 1980

Hausbesetzungen in Hannover

Das ist unser Haus …“

von Wolfgang Becker

Proteste zur Wohnungsnot, Aktionen gegen Wohnraumzerstörung und Besetzungen leerstehender Häuser haben in Hannover eine lange Tradition. Eine Bestandsaufnahme.

„Kampf der kapitalistischen Profitsanierung“ – „Wir sind es leid, um Wohnungen zu betteln“ – „Für ein Autonomes Zentrum“ – so oder ähnlich steht es auf Transparenten, die Hausbesetzer an die Fassaden hängen. In der aktuellen Veranstaltungsreihe „Bunt Wild Frei“ des Historischen Museums ging es am 30. Januar 2018 um die hannoversche Geschichte des Häuserkampfes. „Die bewegten 1970er Jahre haben das Stadtbild, das Image und die politische Kultur Hannovers stark verändert und bis heute geprägt“, heißt es dazu im Ankündigungstext.

„Das ist unser Haus …“: Nach dem Refrain aus einem Protestsong von „Ton, Steine und Scherben“ betitelten die Rezitatorin Marie Dettmar und der Bauhistoriker Sid Auffarth ihren von über hundert Menschen gut besuchten Vortragsabend im Museum. Sinnigerweise hatte im Dezember1971 die legendäre Besetzung des Hauses Arndtstraße 20 nach einem Konzert der o.g. Rockgruppe stattgefunden. Das Haus wurde nach drei Tagen von der Polizei brachial geräumt. Die Stadt bot den Protestlern später ein Objekt in der Nordstadt an – das spätere Unabhängige Jugendzentrum Kornstraße.

Doch die Protestform ist kein ausschließliches Phänomen der 1970er Jahre. Überliefert ist, dass leerstehende Wohnungen in Arbeitervierteln schon im 19. Jahrhundert von notleidenden Familien okkupiert worden sind. Auch in der Gegenwart gibt es immer mal wieder Hausbesetzungen, in Hannover zuletzt am Moritzwinkel im April 2016 mit der Forderung nach einem „Sozialen Zentrum“.

Die Liste der hannoverschen Hausbesetzungen ist lang. Hier einige Stationen, die sich an die Aktion in der Arndtstraße anschließen: Jakobistraße, Charlottenstraße, Franzstraße, Gartenhaus am Judenkirchhof, Döhrener Wolle, Heisenstraße, Wesselstraße, Viktoriastraße, Blumenhagenstraße, Ricklinger Straße, Velvetstraße, Kinderheilanstalt, Sprengel in der Schaufelder Straße, Polizeirevier Gartenallee, Limmerstraße, Moritzwinkel und sicher viele Adressen mehr.

Nicht immer endeten die Protestaktionen mit einer polizeilichen Räumung. So zogen Wohnungsbesetzungen der „Aktion Wohnungsnot“ mit Migranten im Sanierungsgebiet Linden-Süd 1972/73 Duldungen durch die Stadt bzw. die schnelle Zurverfügungstellung von Ersatzwohnraum nach sich. Anfang 1980 mussten die jugendlichen Besetzer des Fachwerkhauses Ricklinger Straße 46 zwar nach drei Monaten ausziehen, erhielten aber – von der Stadt vermittelt durch das kirchliche Martinswerk – sogenannte „Leihhäuser“ als Ersatzobjekte.

Ein besonderes Beispiel für eine erfolgreiche Besetzung ist auch das Sprengelgelände in der Nordstadt. Nach langem Leerstand drohte die ehemalige Schokoladenfabrik zum Spekulationsobjekt zu werden. Im Sommer 1987 wurde das Objekt besetzt. „Revolution ist großartig, alles andere ist Quark“, steht noch heute an der Fassade der sogenannten „Kofferfabrik“. Nach diversen Räumungsversuchen, zähen Verhandlungen und eingegangenen Kompromissen hat sich hier – auf der Basis eines Erbbauvertrags mit der Stadt – dauerhaft bis heute ein Wohnprojekt etabliert.

„Wohnraum wird heute nicht mehr leichtfertig vernichtet“, bilanzierte Sid Auffarth an diesem interessanten Vortragsabend im Museum. Ein Stadtumbau mit Umschichtung der Bevölkerung und Attraktivierung ganzer Stadtteile stünde nicht mehr auf der Tagesordnung: „Das Denken hat sich ein wenig verändert.“ Marie Dettmer äußerte sich nachdenklicher: „Mir ist aufgefallen, dass Umwandlungen stattgefunden haben.“ Eine kritische Stimme kam aus dem Publikum. Bezirksbürgermeister Rainer-Jörg Grube beklagte, dass in Linden derzeit Häuser vom freien Markt „gnadenlos gentrifiziert“ würden. Protestaktionen – „bunt, wild,frei“ – dagegen werden nicht ausbleiben.

Wolfgang Becker

 

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Marie Dettmer und Sid Auffarth im Historischen Museum

 

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Charlottenstr. 31 am 1. Mai 1975

 

04.02.2018

 

 

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