11. April 2019

Zwischen Erinnerung und Zukunft: Die Aufgaben der Gegenwart – Gedenkveranstaltung des Arbeitskreises „Ein Mahnmal für das Frauen-KZ in Limmer“ am 10. April

von Raimund Dehmlow

„Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen: darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“ Diese Worte des italienischen Schriftstellers und Chemikers Primo Levi, der sich 1987 das Leben nahm, weil ihm Auschwitz dieses 1944 genommen hatte, war gleichsam der rote Faden der Gedenkfeier des Arbeitskreises „Ein Mahnmal für das Frauen-KZ in Limmer“ am 10. April 2019, dem Tag, an dem sich die Befreiung der KZ-Insassinnen 1944 jährte.

In den Mittelpunkt der diesjährigen Gedenkveranstaltung hatten die Veranstalter, so Horst Dralle als Sprecher des Arbeitskreises, das Schicksal der Frauen aus Belarus gestellt, die mit 1.000 Schicksalsgenossinnen aus zahlreichen anderen Ländern direkt neben dem Betrieb der Continental AG in Limmer von Juni 1944 bis April 1945 im Frauen-Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme als Zwangsarbeiterinnen gefangen gehalten wurden.

Bezirksbürgermeister Rainer-Jörg Grube konnte mit Befriedigung festhalten, dass 32 Jahre nach der Platzierung eines Gedenksteins in der Sackmannstraße (dessen Errichtung auf dem benachbarten Firmengelände die Conti seinerzeit untersagte) feststehe, dass im Zuge der Bebauung der Wasserstadt Limmer ein Gedenkort entstehen soll, der sicherstelle, dass den Opfern künftig in angemessener Form gedacht werde und für die es bereits ein Konzept gebe. Zudem sei geplant, die Straßen der Wasserstadt nach Zwangsarbeiterinnen zu benennen. Allerdings – so Grube – sei diese Benennung vom Eigentümer zunächst durchaus als Investitionshindernis angesehen worden. Er bedauerte, dass der Arbeitskreis bis zum heutigen Tag für seine Forschungen keinen Zugang zum Archiv der Conti erhalten habe und regte an, dass sich auch die Schulen der Umgebung aktiv in die Aufarbeitung der Schicksale der in Limmer als Zwangsarbeiterinnen missbrauchten Frauen einschalten.

Die Stimmen der ehemaligen Lagerinsassen wahrnehmbar zu machen war das Anliegen einer Präsentation des Arbeitskreises: Mit verteilten Rollen – und unterstützt von Holger Kirleis, der auf der Melodica passende Liedsequenzen präsentierte – stellten Mitglieder das Schicksal von Antonia Agofonova, einer Zwangsarbeiterin aus Belarus und weiterer Deportierter nach, die ihre Erinnerungen aufgezeichnet haben. Mit anderen Familienangehörigen aus der Heimat deportiert – in der 800.000 der fast 1 Million lebenden Juden direkt ermordet wurden -, gelangte sie nach Limmer und von dort später auf einem der so genannten Todesmärsche nach Bergen-Belsen, wo sie schließlich befreit wurde.

Es ist sicher von großem Interesse, die Identität und die persönlichen Erinnerungen der in Limmer Gepeinigten systematisch zu ermitteln und der Öffentlichkeit in angemessener Weise zugänglich zu machen.

Horst Dralle apellierte in seinem Schlusswort: „’Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.‘ Diese Worte sollten nicht resignativ aufgenommen werden. Sie fordern auf, sich zu verhalten, auch persönlich gegen Rassismus, Nationalismus und Unrecht Position zu beziehen. Denn zwischen Erinnerung und Zukunft liegen immer die Aufgaben der Gegenwart!“

Weitere Informationen: >> www.kz-limmer.de

Raimund Dehmlow

Horst Dralle spricht
Gedenkstein

11.04.2019


Kommentare

  1. Danke für die notwendigen Mahnungen.

    – „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.“

    Es sind immer noch die selben Menschen. Opi las sein NPD-Hetzblatt bis zuletzt, und ich wüsste auch ein paar Kandidaten aus Linden, die im damaligen Nazi-Deutschland hervorragende Karrierechancen gehabt hätten. Und ja, deswegen kann und wird es wieder geschehen, und geschieht (Foltergefängnisse zum Beispiel gibt’s in Polen, Türkei, sogar Spanien). Charakterlich ist der Mensch an sich zum Verzweifeln.

    Doch im oben zitierten Satz fehlt eins: die Gegenwart. – Wir müssen uns vergegenwärtigen, was die tatsächlichen Risiken unseres Zeitalters sind. Für die Existenzsicherung unserer Gesellschaft reicht es nicht, sich darin zu sonnen, die extremistischen und destruktiven Haltungen der Vergangenheit nicht wieder zu erreichen. Ohne dem Gedenken seinen dringenden Wert zu nehmen, frage ich nach den tatsächlichen Problemen unserer Zeit.

    Schnell wird die Rassismuskeule geschwungen, geht aber an der Realität vorbei und verwässert noch die Probleme, die durch die Tabuisierung unlösbar, noch nicht mal diskutierbar werden. Ist es wirklich rassistisch, machohafte Jungtürken für primitiv zu halten, an asiatischen Kellnern ihre unzureichenden Deutschkenntnisse zu notieren, die immer selbe Tätergruppe bei den Handy-Raubüberfällen zu beklagen oder sich sogar darüber zu mokieren, dass eine im Dritten Reich verfolgte Judenfamilie ihren Reichtum, ihren Oberklassenstatus über die Flucht trotzdem erhalten konnte?

    Die Wahrscheinlichkeit, die Erwartung, dass von Deutschland erneut ein Genozid oder Völkermord ausgehen kann, ist gering. KZs wird es hier so schnell nicht mehr geben.

    6 Millionen ermordete Juden und 50 Millionen Tote insgesamt hat das Herrenmenschen-Experiment des militärisch-industriellen Komplexes in Nazi-Deutschland und im Zweiten Weltkrieg gekostet, und Angst und Schrecken, der selbst bis in meine Generation epigenetisch fortwirkt, wenn die Eltern von den traumatisierten Großeltern „einen weg“ haben.

    Heute ist die Gefahr eines Dritten Weltkriegs so hoch wie seit der Kuba-Krise nicht mehr. Die NATO, deren Rüstungsausgaben bereits 15-mal höher sind als die Russlands, erhöht die Militärbudgets, kündigt die Atomwaffenverträge und hält (inklusive Bundeswehr) 150 km vor St. Petersburg gigantische Manöver ab, inklusive der Bundeswehr, die verfassungsrechtlich einen reinen Verteidigungsauftrag hat. Im Jemen testet Kraus-Maffei zusammen mit Bundeswehr-Beobachtern die Wirksamkeit der von Saudi-Arabien gekauften Kriegswaffen, während medial einer der besonnensten Weltpolitiker, Putin, zum Kriegstreiber umdeklariert wird.

    Im Nahen Osten ist bereits die Hölle los, in der Ukraine auch, die Türkei begeht Völkermord am laufenden Band, selbst im „demokratischen“ Spanien sind Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung, in Frankreich sind die Notstandsgesetze bereits zum x-ten Mal verlängert worden. Noch ist Deutschland verschont geblieben, aber die Regierungspläne und die bereits erfolgten Gesetzesänderungen sprechen da eine deutliche Sprache.

    Eine offene Debatte über solche Dinge ist so kritisch und wichtig für unsere Gesellschaft wie nichts anderes. „Wenn das Ding crasht“, dann geht es uns an die Existenz. Über Themen wie Altersarmut lachen wir dann noch bitter.

    1. Also für mich ist Russland der Kriegstreiber. Putin und seine Anderen können den Zerfall der Sowjetunion und das Selbstbestimmungsrecht der Völker nicht verwinden. Ich finde es gut, dass die Nato die Nachbarländer schützt.
      Schlimm finde ich, dass Putins größter und gut bezahlter Einflussagent nie kritisiert wird: Exkanzler Gerhard Schröder!
      Auch dass Putins Pipelines durch die Ostsee einfach so akzeptiert werden wird vermutlich in absehbarer Zeit dramatische Folgen für Putins Nachbarländer haben.
      Und das Deutschland seine Natoverpflichtungen (2% Verteidigungsetat!) ignoriert finde ich so langsam immer bedrohlicher.
      Und China wartet schon lange …
      Irgendwie leben wir immer noch wie in einer paradiesischen Traumwelt – so kommt es mir manchmal vor.

      1. – „Also für mich ist Russland der Kriegstreiber.“

        Begründung fehlt, und eventuell an den Haaren herbeigezogene Beispiele würde ich gerne widerlegen.

        – „Putin und seine Anderen können den Zerfall der Sowjetunion und das Selbstbestimmungsrecht der Völker nicht verwinden.“

        Das ist Quatsch. Russlands Regierung ist macchiavellistisch und kapitalistisch. Da gibt es keinerlei Anhänglichkeiten an die frühere kommunistische Sowjetrepublik, aber auch wirklich keinerlei.

        – „Putins größter und gut bezahlter Einflussagent … Exkanzler Gerhard Schröder“

        Schröder hat Deutschland sehr geschadet, auch mir persönlich. Aber nach seinem Amt hat er keinen nennenswerten politischen Einfluss mehr.

        – „Natoverpflichtungen (2% Verteidigungsetat!)“

        Jeder Euro, den wir in der Hand halten, wäre ohne die unsinnigen Militärausgaben 12 Cent mehr wert. Und nein, nur weil ein irrsinniger Trump so etwas twittert, sind das keine Verpflichtungen für ein freies Deutschland. Der Imperialismus der USA werden zweifach unser Verderben: Finanzcrash und Kriege.

        Derweil werden Millionen von Menschen ausgebombt und vertrieben. Viele davon flüchten nach hier, wo sie eigentlich gar nicht hinpassen. Der USA, die diese Kriege treibt, ist das recht, weil sie durch die Europa überfordernde Migration Europa als Wirtschaftsmacht schwächt. So laufen die Dinge.

        1. – „Jeder Euro, den wir in der Hand halten, wäre ohne die unsinnigen Militärausgaben 12 Cent mehr wert.“

          Und Trump verlangt eine Erhöhung auf 20 Cent Tribut pro Euro, und Öllerer goutiert das auch noch. Seit 70 Jahren hat es für Deutschland keinen Verteidigungsfall mehr gegeben. – Entweder, das viele Geld geht für Nichts drauf (oder garantiert dafür, dass die Reichen reicher werden) oder der Rüstungshaushalt wird verwendet, um andere Menschen zu vernichten.

          Von mir gibt es dafür genau null Verständnis.

          1. – „Seit 70 Jahren hat es für Deutschland keinen Verteidigungsfall mehr gegeben.“

            Historiker würden sicherlich gerne anmerken, dass es mindestens hundertsiebzig Jahre sind.

          2. Lieber Anwohner,
            die Nachbarstaaten Russlands wissen genau wer und was sie gegen Putins Subversion und Drohungen schützt.

            Und die Annektion der Krim zeigt was von Putin zu halten ist. Russland hatte in den 90ern einen Vertrag zum Schutze der territorialen Integrität der Ukraine unterschrieben. Dafür hatte diese die Atomwaffen auf ihrem Territorium abgeliefert.
            uswusf.

            Es waren auch die Amis, die uns die ganzen Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg militärisch geschützt haben. Dabei haben sie sehr viele Opfer gebracht.

            Ein entscheidender Grund, dass es bei uns friedlich blieb, dürften der Korea- und der Vietnahmkrieg gewesen sein.
            Dort zeigten die Amis der sozialistischen Internationale (UDSSR, China, etc.) dass sie opferbereit den freien Westen verteidigen.
            Das hatte Eindruck gemacht.
            Ich kann mich noch erinnern wie ich am 13. August 1961 als Kind die Lautsprechansage im benachbarten Freibad hörte, dass in Berlin die Mauer gebaut würde. Später habe ich dann in Westberlin studiert und war öfters in Ostberlin, wo ich Leute kannte.

            Wir haben alles überstanden. Danke Amis!!!
            Und: weiter so.

          3. – „Ein entscheidender Grund, dass es bei uns friedlich blieb, dürften der Korea- und der Vietnahmkrieg gewesen sein.“

            Praktisch ergibt es keinen Unterschied, ob man den Vietnamkrieg rechtfertigt oder die Judenvernichtung.

          4. Also für mich ist Russland der Kriegstreiber. Putin und seine Anderen können den Zerfall der Sowjetunion und das Selbstbestimmungsrecht der Völker nicht verwinden. Ich finde es gut, dass die Nato die Nachbarländer schützt.
            Schlimm finde ich, dass Putins größter und gut bezahlter Einflussagent nie kritisiert wird: Exkanzler Gerhard Schröder!
            Auch dass Putins Pipelines durch die Ostsee einfach so akzeptiert werden wird vermutlich in absehbarer Zeit dramatische Folgen für Putins Nachbarländer haben.
            Und das Deutschland seine Natoverpflichtungen (2% Verteidigungsetat!) ignoriert finde ich so langsam immer bedrohlicher.
            Und China wartet schon lange …
            Irgendwie leben wir immer noch wie in einer paradiesischen Traumwelt – so kommt es mir manchmal vor.

          5. Boah, das sehe ich natürlich anders.

            Da ist Putin übrigens ein ganz schlimmer. Siehe Tschetschenien.

          6. – „Und die Annektion der Krim zeigt was von Putin zu halten ist.“

            Das war keine imperialistische Annektion, sondern eine Sezession (Autonomie-Abspaltung), die aus historischen, soziokulturellen und militärischen Gründen menschenverständlich nötig war und im Referendum von der Bevölkerung stark bestätigt wurde.

            Zeigen Sie mir auch nur einen Medienbericht, nach dem auf der Krim zwecks Übernahme ein Schuss gefallen ist. Ich kenne keinen. Dafür zeige ich Ihnen hundert vom faschistischen Regime Change auf dem Maidan-Platz.

          7. Wenn ich das dann richtig verstehe, könnten wir froh sein, wenn wir einen Putin mit seiner gelenkten Demokratie hier an der Macht hätten. Oder?

          8. – „Wenn ich das dann richtig verstehe, könnten wir froh sein, wenn wir einen Putin mit seiner gelenkten Demokratie hier an der Macht hätten. Oder?“

            Diese chauvinistische Haltung ist exakt der Stoff, aus dem der Kalte Krieg besteht.

        2. Anwohner, Zitat:
          – „Also für mich ist Russland der Kriegstreiber.“
          Begründung fehlt, und eventuell an den Haaren herbeigezogene Beispiele würde ich gerne widerlegen.
          Zitatende

          Antwort: Ukraine

          1. – „Antwort: Ukraine“

            Das war ein typischer Regime Change des Wertewestens, der auch typischerweise einen Failed State zur Folge hatte (vgl. Libyen, Irak, Syrien; gerade Versuch in Venezuela, wieder nur wegen des Öls). Den globalen Machteliten sind Volk und Recht völlig egal, wenn sie einen US-Dollar (sic!) mehr verdienen.

  2. Vielen Dank für den Bericht, lieber Raimund Dehmlow ! , sagt Jürgen Wessel
    Dank auch an Horst (Dralle) für das unermüdliche Engagement !, von Jürgen

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