28. Juli 2021

Ihme-Zentrum

Die Hasardeure vom Horrorhaus

Wolfgang Becker / Martin Tönnies / 22. Juli 2021

Das Ihme-Zentrum ist schon immer Spekulationsobjekt gewesen. Jetzt hat die Stadt mit dem Unternehmer Lars Windhorst erneut eine Art „Stillhaltevertrag“ geschlossen.

Hasardeure oder Glücksritter hat es beim Ihme-Zentrum schon viele gegeben. Offenbar geben sich die Spekulanten und Finanzjongleure in Hannover die Klinke in die Hand. Auch bei den über die Jahre wechselnden Oberbürgermeistern. Diese haben sich immer wieder auf die Versprechungen der sogenannten „Investoren“ eingelassen. Statt selbst beherzt zuzugreifen und den „Klotz“ am Flüsschen Ihme mit Steuergeldern zu retten.

Die 1974 stolz eingeweihte Großimmobilie – in seiner brutalen Betonarchitektur als Brückenschlag der Moderne nach Linden gedacht – ist zum Sanierungsfall geworden. „Schrott-Immobilie“ oder „Horrorhaus“ titelt die Presse. Seit vielen Jahren bröckelt der Sichtbeton, die ehemaligen Gewerbeeinheiten stehen leer und gammeln vor sich hin. Die Kosten für eine durchgreifende Sanierung werden auf rund 300 Millionen Euro geschätzt.

Über dem maroden Basement harren in ihren Wohnungen hunderte von Mieter*innen und Eigentümer*innen ihres Schicksals. Diese sind die eigentlich Leidtragenden der wechselnden Spekulanten, die seit Jahren große Flächen des Ihme-Zentrums untereinander verscherbeln. 

Fehlende Baufortschrittskontrollen – hat sich die Stadt mehrfach „verklapsen“ lassen?

Die notorischen Bauverzögerungen der letzten Jahre hätten möglicherweise aufgedeckt und jeweils zeitnah sanktioniert werden können. Bereits begonnene Arbeiten wurden vom ersten Bauherrn, Frank-Michael Engel, nämlich nicht nur abgebrochen, sondern teilweise rückgängig gemacht.

Es war im Jahr 2006, als höchstpersönlich der damalige Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg samt Baufahrzeug anrückte, um öffentlichkeitswirksam den ersten Bauabschnitt am so genannten „Ihme-Zentrum Marktplatz“ anzugehen. Einiges an Mauerwerk und Glasscheiben ging seinerzeit zu Bruch, die Bilder waren in der Lokalpresse zu sehen.


Was den Medienkonsument*innen jedoch weitestgehend verborgen blieb: Nur wenige Tage nach Schmalstiegs Rammschlag hatte der Bauherr genau an dieser Stelle alles wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzen lassen.


Warum fiel das niemandem auf ? Weder im Rathaus noch im Stadtbezirksrat Linden-Limmer gab es jemanden, der den tatsächlichen Baufortschritt überprüft hat. Anders ist es nicht zu erklären, dass ganz offensichtliche Ungereimtheiten jahrelang vor sich hinschlummerten.


Nachfolger machen es nicht besser – die Stadt schaut zu

Ein weiteres Kopfschütteln entsteht aktuell beim Sichten von Bildern, die Urzustand, Planung und Umsetzung im Bereich der ehemaligen Ladenpassage im ersten Stock darstellen. Auch hier hätte den politisch Verantwortlichen bei regelmäßigem Gegenüberstellen von Planung und wirklicher Ausführung einiges an Diskrepanzen auffallen müssen.

Dieses grobe Detail fällt in die Zeit von Engels Nachfolger, der US-amerikanischen Unternehmensgruppe Carlyle. Offensichtlich hatte sich der Bauherr im Jahr 2008 still und heimlich von den durchaus beeindruckenden Planungen aus seiner ehrgeizigen Visualisierung verabschiedet.

Auch hier gilt: Wären die politischen Entscheider*innen nur ein einziges Mal vor Ort gewesen, dann hätten sie wohl unmittelbar erkannt, dass aus dem verbauten Wellblechdach niemals die aufwendige lichtdurchflutete Dachkonstruktion hätte entstehen können.

Der Reigen der Hasardeure nimmt kein Ende

Nach Engel und Carlyle kommt der israelische Unternehmer Amir Dayan mit seiner Firma Intown. Während Hunderte der kleinen Besitzer von insgesamt 543 Eigentumswohnungen um ihr Zuhause bangen, streiten hinter den Kulissen wechselnde Investoren um ihre Profite. Auf einer Zwangsversteigerung im Februar 2015 kommt es zum Eigentümerwechsel: 16,5 Millionen Euro bezahlt die Projekt Steglitzer Kreisel Berlin Grundstücks-Gesellschaft – eine Objektgesellschaft der Newtown Property Management – an die Gläubiger um die Landesbank Berlin für 83 Prozent der Flächen des Ihmezentrums.

Intown-Invest – so lautet bald der neue Name von Newtown – hat sich auf Verwertungen von Großimmobilien spezialisiert. Die weltweiten Verbindungen des Unternehmens mit Sitz auf Zypern sind schwer nachvollziehbar. Intown ist Teil eines Firmengeflechts mit einer Briefkastenadresse in Berlin-Kreuzberg. Wieder verhandelt ein sozialdemokratischer Oberbürgermeister – diesmal heißt er Stefan Schostok – mit dem Spekulanten. Dieser verspricht eine zügige Sanierung, im Gegenzug sichert die Stadt zu, mit ihren Fachbereichen Jugend und Familie Ankermieter zu bleiben.

Das spült Mieteinnahmen in Millionenhöhe in die Kasse von Intown. Weil es in Hannover geschäftlich so gut läuft, kauft Dayan auch gleich das ehemalige Maritim-Hotel gegenüber vom Rathaus. Umgehend wird es – für eine stattliche Miete aus Steuergeldern versteht sich – der Stadt als Flüchtlingsheim zur Verfügung gestellt. Die Stadtwerke hingegen kündigen derweil ihren Büroturm an der Ihmepassage und beginnen an der Glocksee mit der Errichtung eines neuen enercity-Verwaltungsgebäudes.

2019 verkauft Amir Dayan seine Anteile am Ihme-Zentrum an Lars Windhorst. Die mit der Stadt ausgehandelten vertraglichen Sanierungspflichten bleiben unerfüllt. Auch die mit Bundesmitteln subventionierte öffentliche Durchwegung des bis zu 22-geschossigen „Klotzes“ wird in der Ära Intown nicht realisiert. Windhorst mit seiner Tennor-Holding zahlt an Intown einen „Schnäppchenpreis“ von 14,5 Millionen und steigt in die vertraglichen Pflichten seines Vorgängers gegenüber der Stadt ein.

Der Jungunternehmer Lars Windhorst ist nicht unumstritten: „Fakt ist“, so die Hannoversche Allgemeine: „Das ehemalige ‚Wirtschaftswunderkind‘ aus der Ära von Helmut Kohl gerät aktuell immer öfter in die Schlagzeilen. Zuletzt hatte es viel Aufregung um seine Firmenbeteiligung am Bundesligisten Hertha BSC gegeben.“  Der 44-jährige „Finanzjongleur“ sei laut einem Bericht der „Wirtschaftswoche“ mit insgesamt 2,5 Milliarden Euro verschuldet, heißt es in der HAZ weiter.

Neuer Vertrag – geht der Schrecken ohne Ende weiter?

Wie alle Hasardeure vor ihm verspricht auch Windhorst viel. Doch außer etwas „Fassadenkosmetik“ ist am Ihme-Zentrum auch unter seiner Regie so gut wie nichts passiert. Der Eindruck ist eher, dass nach jedem Eigentümerwechsel wieder etwas mehr zur Zerstörung der Großimmobilie beigetragen wird.

Auch mit Windhorst handelt die Stadt eine Art „Stillhaltevertrag“ aus: Der Unternehmer verpflichtet sich, das Basement des Ihme-Zentrums bis Juni 2023 wieder „flott“ zu machen und leistet dafür Sicherheiten. Im Gegenzug bleibt die Landeshauptstadt dem Ihme-Zentrum als lukrativer Großmieter treu. Am 21. Juli 2021 stimmt der Bauausschuss des Rates diesem vom Oberbürgermeister und seinem Team ausgehandelten Vertrag zu. Der heißt mittlerweile Belit Onay und ist von den Grünen.

Fotos: Martin Tönnies

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Nachbemerkung
halloLindenLimmer.de ist nicht meinungsgebunden und läßt andere Meinungen frei zu Wort kommen.

Andere Sichtweisen sind willkommen.

28.07.2021/ 19:54

Kommentare

  1. Das enercity-Hochhaus hat in meinen Augen viel Potenzial.
    Ein Hotel wäre denkbar oder Studentenunterkünfte, aber auch Büroräume als coworking spaces wären eine Idee. Oder eine Mischung aus allem..
    Im Rest des Ihme Zentrums könnten noch ein paar Bars und Cafés entstehen, ein Fitnessstudio, unterschiedliche Geschäfte für den täglichen Bedarf, Schuhgeschäfte, Bekleidungsgeschäfte, vielleicht auch ein Baumarkt. Dann könnte man sich den Weg in die „Stadt“ sparen, was wiederum ein Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz wäre.
    Natürlich muss erst viel investiert werden, aber am Ende kann man auf ein Plus hoffen, wenn man mutig ist und das entsprechende Geld hat.

  2. Das Problem ist wie immer, dass sich niemand traut, öffentlich zu sagen, dass der Kaiser nackt ist.
    Heisst hier, dass sowohl Sanierung als auch Abriss derartige Mamutaufgaben wären (die Arbeit und die Kosten), dass das niemand stemmen kann und will.

  3. Durch die erheblich verteuerten Baupreise dürften wohl die veranschlagten Baukosten i.H.v. 300 Millionen für eine vollständige Wiederherstellung der zerstörten Bausubstanz nicht mehr ausreichen. Und was passiert im enercity-Hochhaus?

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