10. November 2020

Ein anonymes Schreiben hängt derzeit mehrfach in der Limmerstraße. Es ist eine Anprangerung schlechter Verhältnisse in Krankenhäusern. Diese werden als untragbar geschildert. Der Text stammt anscheinend von einer in einem Krankenhaus arbeitenden Person. Standort und Person sind derzeit unbekannt.

So heißt es bspw.: „…Menschen in ihren Fäkalien stundenlang liegen bleiben, Zuleitungen über die Medikamente gegeben werden, die ebenfalls mit Fäkalien beschmiert sind, dass selbst Intensivstationen oft Medikamente nicht haben, Patienten falsche oder keine Medikamente erhalten, man auf 5-6 Stationen nach Absauggeräten auf Verleih fragen muß, es keine mobilien Sauerstoffgeräte für interne Transportwege gibt …“ Auszug.

Im Folgenden der volle Wortlaut des Schreibens:

Corona und die Missstände in unserem Gesundheitswesen


Ich möchte Ihnen von einem wunderschönen Beruf erzählen, bei dem man etwas zurückgibt und Menschen, in dem für sie wohl schlimmsten zeiten begleitet. Tag und Nacht, 365 Tage im Jahr.

Tag und Nacht sind wir für sie da, unterbesetzt. In der Nacht wachen und pflegen wir Sie oftmals alleine, gleich zwei Stationen auf einmal … Ungelernte, Auszubildende und wenige Fachkräfte, frisch Examinierte werden in den ersten Tagen alIeine auf Station gelassen. Wir müssen uns dafür rechtfertigen, wenn wir länger bleiben, weil wir kollegial sind.

Wir müssen uns für Momentaufnahmen, die sie mitbekommen rechtfertigen, wenn wir einen Kaffee/Tee trinken, eine Rauchen gehen oder uns einfach mal 5 Minuten zum Abschalten an der frischen Luft erlauben. Das wir am Tage selten eine Pause machen die uns zusteht sieht keiner, dass wir nachts keine Pause haben und uns diese finanziell vergütet werden soll, kann man kaum glauben. Wir arbeiten bis zu 12 Tagen am Stück in allen drei Schichten durch, schieben Doppelschichten und haben teilweise nur zwei „Rolltage“ im Monat und des Öfteren auch drei Arbeitswochenenden. Wir müssen oftmals Arbeitskleidung tragen die streng riecht, beschmutzt ist oder nicht unseren Größen entspricht, über mehrere Tage hinweg.

Masken sind Mangelware, zwei FFP2-Masken durften pro Schicht für das komplette Team genutzt werden. Sowohl zur Hygiene in deutschen Krankenhäusern ! Klinisch instabile Patienten werden nicht diagnostisch behandelt da ein „Verdacht auf Corona“ besteht. Wenn wir als Personal hingegen positiv getestet worden sind, müssen wir trotzdem immungeschwächte und schwer kranke Patienten pflegen.

Chirurgen verlassen ohne Grund den OP-Saal. Viele selektive Operationen wurden und werden durchgeführt, ohne vorher bestehende Testergebnisse, Patienten werden von Ihren Operateuren nicht visitiert. Zudem werden wir sexuell von Kollegen Ärzten und Patienten belästigt.

Hoch schwangere Frauen werden nicht aufgenommen, da der Kreissaal nur wenige Stunden täglich personell besetzt werden kann. Das Patienten ihren Bettnachbarn die Mahlzeiten anreichen oder keine erhalten, weil wir keine Kapazitäten haben, Menschen in ihren Fäkalien stundenlang liegen bleiben, Zuleitungen über die Medikamente gegeben werden, die ebenfalls mit Fäkalien beschmiert sind, dass selbst Intensivstationen oft Medikamente nicht haben, Patienten falsche oder keine Medikamente erhalten, man auf 5-6 Stationen nach Absauggeräten auf Verleih fragen muß, es keine mobilien Sauerstoffgeräte für interne Transportwege gibt, keine Adapter für die Sauerstoffanschlüsse in den Zimmern, kein Verbandsmaterial, selbst tagelang keine Handtücher und Waschlappen geliefert werden, es an Infusionsbesteck mangelt und zu allem Überfluß noch EDV-Probleme bestehen, sodass man über Schichten hinaus keine Laborbefunde drucken kann und keine Akteneinsicht möglich ist.

Verstorbene müssen in Materialräume geschoben werden, weil keine personelle Kapazitäten vorhanden sind bzw. die Leichenhalle voll ist. Verstorbenen werden Knochen gebrochen um diese zu Barren. Menschen können über Wochen nicht geduscht oder ihnen hierbei geholfen werden.

Das ist Massenabfertigung. Patienten im desolaten Zustand aus Pflegeeinrichtungen werden noch desolater wieder entlassen. Patienten liegen auf peripheren Stationen, obwohl sie aufgrund ihres schlechten Zustandes eigentlich am Monitor überwacht werden müssten. Patienten werden ohne Beschlüsse fixiert und somit entmündigt.

Liegen keine schriftlichen Dokumente vor, werden Patienten teilweise reanimiert und teilweise nicht, obwohl die Patientenverfügung etwas anderes vorgibt. Relevante und dringend notwendige Untersuchungen können aufgrund defekter technischer Ausstattung und/oder Personalsmangels häufig nicht durchgeführt werden.

Und das sind bedauerlicherweise einige, aber bei weitem noch nicht alle Pobleme unserer Krankenhäuser und des Gesundheitswesen die keiner sieht bzw die bewusst ignoriert und verdrängt werden.

Wo kein Kläger, da kein Richter – Tote können sich nicht mehr beschweren und den Kranken in den Krankenhäusern und Pflegeheimen fehlt die Kraft dazu. Es wird Zeit, dass sich endlich grundlegend etwas an unserem Gesundheitssystem ändert. Es geht uns alle an und das nicht nur aufgrund von Corona.

Niemand weiß, wann er mal ins Krankenhaus muß (aus welchen Gründen auch immer). Möchten Sie so behandelt werden? Ich für meinen Teil, möchte weder so behandelt werden, wenn ich krank bin, noch möchte ich jemanden, als Teil des Pflegepersonals, so behandeln müssen !

Wenn Sie sich derzeit auf das deutsche Gesundheitssystem verlassen, sind sie verlassen. Herzlich willkommen in der Realität !

Keine Unterschrift, anonym

Unterschiedliche Sichtweisen sind willkommen.

09.11.2020/10.11.2020; 06:40

Kommentare

  1. Gibt’s denn noch die nette Dame, die regelmäßig alle Patienten befragt, ob sie lieber zwei Scheiben Wurst und eine Scheibe Käse zum Frühstück hätten oder zwei Scheiben Käse und eine Scheibe Wurst? Viele Patienten kriegen (über den kleinen Dienstweg) schnell raus, dass man problemlos eine Extra-Scheibe Wurst bestellen kann … und damit pro Frühstück eine Portionspackung einsparen können, die sie dann in ihren Nachttischschubladen bunkern, bis sie entlassen werden.

    Dann haben sie 10 Stück Marmelade und viermal Honig ergattert und sind glücklich und besänftigt.

  2. Traurige Wahrheit. In den Alten und Pflegeheimen das gleiche Dilemma. Da muss man manchmal Kopfkissen oder Bettbezüge als Inkontinenzmaterial benutzen. Schlimm schlimm manchmal noch schlimmer

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