9. Dezember 2019

Landeshauptstadt Hannover – Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Verwaltung stellt neuen Sucht- und Drogenbericht vor

 – neue Maßstäbe in der Berichterstattung durch Kennzahlenblatt

Suchterkrankungen sind in der Gesellschaft weit verbreitet. Auch die Landeshauptstadt Hannover steht beim Thema Sucht und deren Prävention vor zahlreichen Herausforderungen. Wie vielschichtig das Thema ist, zeigt der neue hannoversche Sucht- und Drogenbericht 2019, den die Sozial- und Sportdezernentin Konstanze Beckedorf und der städtische Sucht und Suchtpräventionsbeauftragte Frank Woike heute (6. Dezember 2019) vorgestellt haben und der jetzt den Ratsgremien zur Kenntnisnahme vorgelegt wird.

„Das über viele Jahre gewachsene Netzwerk mit den Institutionen und Partner*innen steht für die gute Qualität in der Abstimmung über gemeinsame Ziele in der Sucht- und Drogenhilfe und der Suchtprävention – das zeigt der vorliegende Bericht deutlich“, betont die Dezernentin. „Es gilt, diesen Weg gemeinsam fortzusetzen und damit das soziale Miteinander in der Stadt zu stärken und die Teilhabe von Menschen, die sich in schwierigen Lebensumständen nicht selbst helfen können, zu unterstützen“.

Computerspielsucht, der Gebrauch illegaler Drogen, „Kinder aus suchtbelasteten Familien“ – die Themen sind umfangreich. Der Bericht geht zurück auf einen Wunsch der Ratspolitik, die Entwicklung der vergangenen Jahre nachzuzeichnen. Nach 2016 wird er nun das zweite Mal vorgelegt. Ziel des Berichtes ist es, faktenbasierte Informationen bereitzustellen, die in der Sucht- und Drogenhilfe oder in der politischen Arbeit verwendet werden können, um den verschiedenen Herausforderungen zu begegnen. Er vermittelt Fakten über unterschiedliche Suchtarten und Suchtstoffe und gibt einen Überblick über die hannoversche Situation und Entwicklung. Das Suchthilfe- und Hilfsangebot wird dargestellt sowie Handlungsansätze für die Jahre 2019 und 2020.

Das neue Kennzahlenblatt gibt eine Übersicht über die Drogenhilfe der Stadt Hannover in den Jahren 2015 bis 2018 und bildet damit den Inhalt des Berichtes mittels relevanter Indikatoren noch einmal in einer neuen Form ab.

„Damit werden neue Maßstäbe in der Berichterstattung gesetzt und die Arbeit der Sucht- und Drogenhilfe kann noch anschaulicher und transparenter kommuniziert werden. Darüber hinaus ist das Kennzahlenblatt so angelegt, dass es fortgeschrieben werden kann und bildet damit die Grundlage für eine neue Art des Sucht- und Drogenberichtes“, erläutert Beckedorf.

Alkoholkonsum bei Jugendlichen rückläufig

Der Bericht zeigt unter anderem, dass der Alkoholkonsum bei Jugendlichen in Hannover rückläufig ist. Aufgrund besorgniserregender Zahlen hat die Stadt vor elf Jahren ihr Konzept „Mehr Fun – weniger Alkohol“ vorgelegt. Seitdem finden unterschiedliche Formate der Prävention und Beratung statt. Die Stadt sieht die Prävention als Daueraufgabe und hat daher das finanzielle Engagement über die Jahre unverändert gelassen – dieses Engagement führte zu einer positiven Entwicklung.

Cannabis, Heroin und Crack dominant bei den illegalen Drogen

Schätzungen zufolge werden allein auf dem Vorplatz Fernroder Straße Heroin und Crack von circa 60 Prozent der Suchtkranken dauerhaft konsumiert. Häufig kommen Alkohol und Nikotin als legale Drogen dazu.

Da es sich bei den Heroin- und Crackkonsument*innen fast ausschließlich um Langzeit-Abhängige handelt, besteht die Aufgabe der Stadt in der sogenannten „harm reduction“ (Schadensminimierung beim Konsum) und Beratungsangeboten der Drogenarbeit, ohne das Ziel einer deutlichen Reduzierung des Konsums oder einer Abstinenz aus den Augen zu verlieren. Bei der Cannabisprävention liegt der Schwerpunkt eindeutig auf der Prävention für Jugendliche und junge Erwachsene.

Vermengung von Glücksspielangeboten und elektronische Spielen

Die deutliche Reduzierung der Geräte und der Anzahl der betriebenen Spielhallen in den vergangenen Jahren hat zu einer Verknappung und damit einer sehr starken Auslastung der verbliebenen Geräte geführt. Bedenklich ist die Vermengung von elektronischen Spielen und Glücksspielangeboten. Bei einigen elektronischen Spielen sind Glücksspielelemente enthalten, die derzeit bei der Alterseinstufung durch die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) bislang nicht berücksichtigt wird. Damit wird auch Minderjährigen das Glücksspiel nahegebracht.

Substitutionsversorgung durch Mangel an Mediziner*innen mittelfristig gefährdet

Die Substitutionsversorgung ist in Hannover vergleichsweise noch bedarfsdeckend organisiert. Aufgrund des Alters vieler Suchtmediziner*innen kann sich mittelfristig auch in Hannover die Situation verschlechtern. Da es bei der Zulassungskommission keine Anträge auf Neueröffnung oder Übernahme bestehender Praxen gibt, müssen bei altersbedingten Schließungen die Patient*innen von den bereits praktizierenden Mediziner*innen mitversorgt werden. Diese Konzentration in größer werdenden Praxen kann aber nur mittelfristig das Problem auffangen.

Weiterhin ist zu beobachten, dass die Aufnahme von Schmerzmitteln wie Tramadol und Tillidin als Substitutionsgrund bislang noch nicht zu einer spürbaren Erhöhung der Patient*innenzahlen geführt hat.

Kinder aus suchtbelasteten Familien

Bundesweite Zahlen auf die Stadt Hannover bezogen zeigen, dass etwa 14.000 Kinder in Familien leben, in dem mindestens ein Elternteil suchtkrank ist (Alkohol, illegale Drogen, Medikamente, Glücksspiel). Die Überprüfung des Kindeswohls muss nicht immer zu einer Herausnahme aus der Familie führen. Trotzdem bedürfen diese Kinder einer besonderen Förderung. Scham und Vertuschung durch Familienmitglieder führt immer noch häufig dazu, dass keine Hilfe in Anspruch genommen wird. Dabei liegt das Risiko eines Kindes, später selbst an einer Sucht zu erkranken, bei ungefähr 35 bis 40 Prozent.

Entwicklung der finanziellen Aufwendungen

Die Landeshauptstadt Hannover hat in 2018 insgesamt 14 Projekte im Bereich der Sucht- und Drogenhilfe finanziell gefördert, insgesamt in Höhe von knapp über einer Million Euro. Dazu kamen die Sachkosten in Höhe von 50.000 Euro für die Alkoholprävention „Mehr Fun – weniger Alkohol“ des städtischen Jugendschutzes.

In 2019 hat sich die Summe auf über 1,22 Millionen Euro erhöht, eine Steigerung um 1,5 Prozent (unter anderem sind darin enthalten: Aufwendungen für die Erweiterung der Öffnungszeiten im „Stellwerk“ sowie das Programm „Suchtkranke in der Innenstadt“). Auch für 2020 wird das finanzielle Engagement der Stadt ausgebaut, begründet durch die zusätzliche Öffnung des Stellwerkes an Sonntagen, die Aufstockung des Programms „Suchtkranke in der Innenstadt“ und eine Erhöhung der Personalkosten im Rahmen der Zuwendungen in Höhe von 2,8 Prozent.

Wegweiser „Go for it“

Die Neuauflage des aktualisierten Wegweisers „Go for it“ zeigt das umfangreiche Hilfs- und Beratungsangebot der Stadt (Download unter >>www.hannover.de/drogenbeauftragter).

Potenziale für den Ausbau der Sucht- und Drogenhilfe sieht die Landeshauptstadt Hannover in folgenden Bereichen

Durch den Bericht werden nicht nur die Fakten erläutert, die die aktuelle Situation zu unterschiedlichen Suchterkrankungen beschreiben. Vielmehr liefert er auch die Grundlage, um Potenziale für den Ausbau im Bereich der Sucht- und Drogenhilfe zu benennen. Sie liegen in

  • der stärkeren Vermittlung des Themas Cannabisprävention an Schulen,
  • der Bereitstellung von Arbeitsangeboten und Angeboten mit Tagesstrukturen für suchtkranke Menschen,
  • der Schaffung von mehr Wohnraum,
  • der Bereitstellung von Übernachtungsmöglichkeiten und Tageschlafplätzen für Suchtkranke.

Herausforderungen und Aufgaben sieht die Stadt bei folgenden Themenstellungen:

  • Gemeinsame Initiative mit dem Land Niedersachsen, eine Einbeziehung der Wettbüros in die Abstandregelung von Spielhallen zu erreichen.
  • Verfassen einer Selbstverpflichtung, dass im Stadtgebiet und im öffentlichen Nahverkehr keine Werbeflächen für Tabakprodukte, E-Zigaretten und Glücksspiele vermietet werden.
  • Aufnahme der Computerspielabhängigkeit in den Internationalen Katalog der anerkannten Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation (ICD) – erfolgt zum 01. Januar 2022.

Der Bericht kann ab sofort unter >> www.hannover.de/drogenbeauftragter heruntergeladen werden.

Titelbild: Drogendealer-Szene am Ihme-Ufer

09.12.2019


Kommentare

  1. Seit einiger Zeit wird hier auch vermehrt synthetisches Haschisch vertrieben, ein Unding. Die Versorgungssituation mit hochwertigen Naturprodukten ist prekär und beschränkt sich meist auf Indoor-Gras hochgezüchteter und langweiliger Qualität. Gras ist aber eigentlich nie gestreckt. Die edlen Haschisch-Sorten von früher sind so gut wie überhaupt nicht mehr verfügbar. Cannabis ist ja ein bisschen wie ein guter Wein: Das kann man nicht im Labor oder im Gewächshaus herstellen.

    Derweil werden inzwischen in den Läden und sogar Kiosks legal CBD- (Cannabidinol-) Öl oder Gras angeboten. Wirkt nicht psychoaktiv (kein High), sondern nur entspannend. Auch Zubehör fürs Kiffen wird reichlich angeboten. Und immer mehr Leute bekommen aus gesundheitlichen Gründen vom Arzt Gras verschrieben. – Das sind schon gegenläufige, paradoxe gesellschaftliche Bewegungen.

    1. Die Vollkatastrophe sind sog. legal highs, sprich Rauchmischungen, die noch nicht unters BtMG fallen, aber zum Teil richtig schlimme Wirkungen und Folgen zeitigen.
      Das kommt dann davon, dass Leute versuchen, zu den illegalisierten Substanzen Abstand zu halten und gleichzeitig ihrem Wunsch nach Rauch nachzugehen.

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